Der Kranich
04-11-2010 - Ein Bericht von Prof. Dr. Berthold, Ornithologe und Verhaltensforscher!
Wenn wir vom „Kranich“ sprechen, meinen wir in der Regel die in Mittel- und Nordeuropa häufig vorkommende Art: unseren „Graukranich“. Er ist eine der weltweit 14 lebenden Kranich-Arten, etwa mittelgroß zwischen den großen Arten wie Sarus- und Schreikranich und den kleineren wie Kronenkranich und der zweiten in Europa (im Südosten) vorkommenden Art, dem Jungfernkranich.
Auch unser Graukranich ist durch eine Reihe von Merkmalen eine herausragend besondere Vogelart: mit über einem Meter Körperlänge auffallend groß, den langen Stelzbeinen und der häufig ganz aufrechten Haltung stattlich, ja geradezu majestätisch wirkend, dabei anmutig in seinen Bewegungen – Kraniche sind unbestritten die Grazien der Vogelwelt. Das drückt sich besonders in ihren Balztänzen aus: meterhohen Flattersprüngen, im Wechsel mit Drehungen, Verbeugungen, Paraden usw., die jährlich Tausende von Touristen zu Balzarenen in Rastgebieten locken. Und damit nicht genug: Im Gegensatz zu den relativ stimmarmen Reihern und Störchen sind Kraniche ausgesprochen ruffreudig, und ihr legendäres Trompeten kann man über Hunderte von Metern hören. Damit fallen die vom Volksmund und von Dichtern gepriesenen Glücksbringer, die meist tagsüber wandern, häufig in ihren Keil- und Winkelformationen am Himmel auf.
Während die meisten Kranicharten weltweit im Bestand abnehmen, hat unser Graukranich Glück gehabt: Vor allem Schutzmaßnahmen, Klimaerwärmung und Maisanbau führen seit Jahrzehnten zu deutlicher Bestandszunahme, sodass heute in Eurasien über 100.000 Brutpaare existieren, etwa 15.000 davon in Mitteleuropa. Dazu als Vergleich: Vom nordamerikanischen Schreikranich gibt es derzeit nur etwa 300 Exemplare, die nur Überlebenschancen haben, wenn sie rund ums Jahr geschützt werden.
Bemerkenswert ist auch, dass Kraniche trotz ihrer enormen Größe Nestflüchter sind, d. h., die kleinen Jungvögel folgen ihren Eltern schon vom ersten Tag nach dem Schlupf zu Fuß zur Nahrungssuche. Als robuste Allesfresser wandern immer weniger Graukraniche bis nach Afrika, und zunehmend mehr überwintern im Mittelmeerraum, um die 10.000 bereits auch in Deutschland. Mit zunehmender Klimaerwärmung könnten Graukraniche in einigen Jahrzehnten gänzlich im Brutgebiet verbleiben. Um zu verhindern, dass sie dabei Schäden an aufkeimender Getreidesaat anrichten, wurde sogenannte Ablenkungsfütterung eingeführt – Ausbringen von Mais an Futterplätzen. Der Graukranich ist ein Musterbeispiel dafür, wie wir uns auch in einer hochtechnokratischen Gesellschaft mit einer relativ anspruchsvollen Vogelart arrangieren können.
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