Der Gartenrotschwanz – Vogel des Jahres 2011
06-01-2011 - Ein Bericht von Priv.-Doz. Dr. habil. Martin Kraft, Marburg
Mit dem Gartenrotschwanz hat der NABU einen Vogel des Jahres ausgewählt, welcher mir seit meiner frühen Kindheit sehr vertraut ist. Wir nennen ihn - und auch den Hausrotschwanz - heute noch „Rotschwänzchen“. Ein uralter Holznistkasten direkt an der Ostseite meines Elternhauses, ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Fachwerkhaus in Niederwalgern (Mittelhessen), diente einem Pärchen Gartenrotschwänze in den 1960er-Jahren lange als Brutplatz. Das Männchen sang ab etwa Mitte April jahrelang immer im selben, alten Birnbaum, immer oben auf der Spitze. Normalerweise führen Gartenrotschwänze Saisonehen, aber mein Paar hielt etwa 8 Jahre zusammen, eine Tatsache, die bei Singvögeln nur äußerst selten vorkommt. Manchmal verflogen sich die beiden Gartenrotschwänze in unserem Speicher direkt unterm Dach, welches viele Spalten hat, die aber nicht immer wieder zum Ausfliegen gefunden wurden. So flatterten sie vor den kleinen Fenstern herum, sodass man sie leicht fangen und befreien konnte. Der Gartenrotschwanz ist die erste Vogelart, die ich als Kind in der Hand hielt.
Mit 13 – 14,5 cm ist der Gartenrotschwanz Phoenicurus phoenicurus knapp so groß wie eine Kohlmeise, doch ist er ein schlanker Vogel, der fast immer aufrecht steht und durch sein ständiges Schwanzzittern auffällt. Die alten Männchen gehören zweifelsfrei zu unseren buntesten Singvögeln. Im Prachtkleid hat das Männchen eine weiße Stirn, eine schwarze Kehle und eine orange-rote Brust. Der Mantel ist aschgrau und die Flügel sind dunkel, während Bürzel, Oberschwanzdecken und Schwanzfedern rostrot sind. Allerdings sind die beiden mittleren Steuerfedern stets dunkelbraun bis schwärzlich. Im Schlichtkleid (Herbst bis Frühwinter) sind vor allem die schwarze Kehle und die orange-rötliche Brust durch isabellfarbene Federsäume verdeckt, sodass der Vogel dann etwas geschuppt aussieht. Wenn die Vögel Anfang bis Mitte April aus ihrem afrikanischen Winterquartier heimkehren sind sie dann wieder im bunten Prachtkleid. Die Weibchen sind am Kopf und oberseits graubraun, haben einen hellen Augenring und eine aufgehellte Kehle sowie eine schwach orange-rötlich getönte Vorderbrust. Der Schwanz ist wie beim Männchen gezeichnet. Manchmal sieht man im September Gartenrotschwänze im Schlichtkleid, zumeist junge Männchen, die in der Farbe an die Weibchen erinnern jedoch dunklere Ohrdecken, einen weißlichen Überaugenstreif und eine grau gewölkte Kehle zeigen. Die orange getönte Brust weist beige gefärbte Federränder auf.
Unser Gartenrotschwanz ist ein fleißiger Sänger, dessen Lied fast immer mit einem hohen „sih“ eingeleitet und mit einer meist abfallenden und unterschiedlichen Zwitscherstrophe beendet wird. Oft werden auch Imitationen anderer Vogelarten eingebaut, sodass man manchmal glaubt, einen Trauerschnäpper vor sich zu haben.
Gartenrotschwänze sind Höhlen- und Halbhöhlenbrüter vorwiegend in Gärten, sofern diese viele alte Laub- oder Obstbäume aufweisen. Man findet sie aber auch auf Streuobstwiesen, an Waldrändern sowie in lichten Eichen-Buchen-Mischwäldern oder reinen Eichen- und warmen Kiefernwäldern. Als Langstreckenzieher bis in die südliche Sahelzone Afrikas ist der Gartenrotschwanz zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Große Dürren setzten dem Winterbestand vor allem in den 1980er-Jahren sehr zu, aber auch die illegale Jagd in den Mittelmeerländern und in Afrika sowie merkliche Lebensraumverluste in der europäischen Brutheimat ließen den Bestand immer mehr schrumpfen. So gehört der Gartenrotschwanz vielerorts zu den stark gefährdeten Vögeln, dem unsere besondere Aufmerksamkeit gilt.
Helfen können wir dieser hübschen Vogelart in dem wir bereits in unserem eigenen Garten von vielen Koniferen und grünem Einheitsrasen Abstand nehmen und dafür wieder hochstämmige Obstbäume pflanzen sowie an ausgewählten Stellen Blumenwiesen zulassen. Außerdem sollten wir ihm geeignete Nistkästen anbieten, wobei sich sowohl Halbhöhlen-Nistkästen wie auch Meisen-Nistkästen eignen. Das Einflugloch solcher Nistkästen sollte aber 32 – 36 mm betragen. Damit garantieren wir ihm langfristig gute Überlebenschancen, denn es wäre sehr schade, wenn ein so schöner Vogel wie der Gartenrotschwanz immer seltener wird, ein Trend, den wir dringend bremsen müssen!
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