Meisen - natürliche Fressfeinde der Raupen des Eichenprozessionsspinners

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft MIO – Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.

Der häufig zitierte Eichenprozessionsspinner Thaumetopoea processionea gehört zu den Schmetterlingen, genauer gesagt zu den Nachtfaltern und dort in die Familie der Zahnspinner (Notodontidae). Er ist ein weit verbreiteter Schmetterling von Europa bis Vorderasien und kommt hauptsächlich in Eichen- oder Eichen-Hainbuchenwäldern vor. Beide Baumarten werden häufig von den Raupen befallen und manchmal ziemlich kahl gefressen! Dies geschieht vor allem auf Lichtungen oder wärmebegünstigten Waldrändern. Die Weibchen können bis zu 100 und mehr Eier an günstigen Stellen in den Bäumen ablegen. Mit einem speziellen Sekret und Afterschuppen werden die Gelege getarnt. Noch im Herbst entwickeln sich die fertigen Jungraupen im Ei, schlüpfen aber in der Regel erst Ende April/Anfang Mai. Dann durchlaufen sie bis zu sechs Häutungsstadien, wobei sie immer größer werden und schließlich 5 cm Länge erreichen können. Ab dem dritten Larvenstadium entwickeln sie die auch für den Menschen gefährlichen Brennhaare. Ihren Namen verdanken diese Nachtfalter der Tatsache, dass sie mit manchmal 20 und noch mehr Individuen im „Gänsemarsch“ die Bäume nach schmackhaften Blättern absuchen. Während die erwachsenen Falter häufig von Fledermäusen gejagt werden, haben die Raupen einige Fressfeinde wie manche räuberischen Käfer, Wanzen, Schlupfwespen, Raupenfliegen und natürlich werden sie auch von Meisen und anderen Vögeln fleißig verzehrt. Die in den Baumwipfeln bei uns im Sommer brütenden Pirole und auch Kuckucke mögen die Raupen besonders gern und verzehren eine nach der anderen. Bei den Meisen sind es vor allem Kohl- und Blaumeisen, die sich im Mai beinahe ausschließlich von den Raupen des Eichenprozessionsspinners ernähren und auch damit ihre Jungen füttern. 

Allerdings sind beide Vogelarten nicht nur auf die Raupen dieses bekannten Nachtfalters angewiesen, wie das auch immer wieder in vielen Printmedien zu lesen ist. Diese Aussagen kommen oft von Menschen, die sich mit der Biologie, der Ökologie, dem Verhalten und der Jungenaufzucht nicht ausreichend beschäftigen. Selbstverständlich haben sich auch unsere Meisen längst an die veränderten Bedingungen durch den Klimawandel angepasst und brüten nicht nur früher, sondern auch der Anteil an Zweitbruten hat sich deutlich erhöht. Man unterstellt den Vögeln oft mangelnde Anpassung, was aber ein großer Irrtum ist, gehören doch die Meisen seit vielen Jahrzehnten zu meinen Hauptforschungsobjekten!

Massenvermehrungen der Eichenprozessionsspinner werden in der Regel durch ihre natürlichen Fressfeinde reduziert, weshalb ich mich – wie die Naturschutzverbände auch – ganz entschieden gegen eine giftige Schädlingsbekämpfung einsetze. Diese macht letztlich viel mehr kaputt als dass sie nützt, denn es werden nicht nur andere Insekten und Tiere, sondern sogar die komplizierten Beziehungsgefüge ganzer Ökosysteme empfindlich gestört. Sinnvoller ist es auf jeden Fall, das Bakterium Bacillus thuringiensis mit einer Spritzbrühe großflächig auf den Blättern der Bäume zu verteilen. Diese Bakterien sind in der Lage während des Stoffwechsels Produkte zu erzeugen, die sich im Darmtrakt der Raupen zu toxischen Substanzen umwandeln! Das macht die Raupen schon nach wenigen Tagen unschädlich. Auch diese kranken und toten Raupen werden noch von vielen Vögeln verzehrt, ohne dass ihnen gesundheitlich etwas passiert.

Der Schutz der Menschen vor den giftigen Brennhaaren sollte also eher im Meiden der Wälder mit Massenvermehrungen des Eichenprozessionsspinners liegen. Umsicht und Vorsicht ist demnach immer geboten und schützt den Menschen gleichermaßen wie die umgebende Natur!

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