Schmetterling des Jahres 2018 - der Große Fuchs

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

Schmetterling des Jahres 2018  - der Große Fuchs

Neben den Vögeln gehören die Schmetterlinge zu meinen Lieblingstiergruppen, die mich seit meinen Kindertagen faszinieren. So legte ich mir schon früh eine Schmetterlingssammlung an, die aber bei Renovierungsarbeiten in meinem Elternhaus zum Großteil zerstört wurde. Heute „jage“ ich Schmetterlinge mit der Kamera, wobei ich in den letzten Jahren feststellte, dass man auch mit dem Handy hervorragende Makroaufnahmen von Schmetterlingen machen kann.

Die BUND NRW Naturschutzstiftung hat gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. den Großen Fuchs Nymphalis polychloros zum Schmetterling des Jahres 2018 gekürt. Damit soll auf die schlechte Überlebens­prognose dieser Art aufmerksam gemacht werden. So werden seine Bestände vielerorts als stark rückläufig eingestuft. Doch stimmt das wirklich? Bestandstrends lassen sich eigentlich nur langfristig erkennen, wobei man immer gute und schlechte Insektenjahre berücksichtigen sollte. Dabei denke ich an meinen ehemaligen Chef, Herrn Prof. Dr. Hermann Remmert, der uns während vieler Arbeitsbesprechungen immer wieder darauf hinwies, dass kalte Winter hervorragend für Insekten seien und milde Winter schlecht für deren Reproduktionsraten. In kalten Wintern fallen Insekten in die sog. „Diapause“, wenn alle Lebensvorgänge deutlich reduziert werden, bis dann ein warmes Frühjahr einsetzt und sie sich nachgerade explosionsartig vermehren können. In milden Wintern kommen sie oft viel zu früh aus ihren Löchern und werden dann bei einsetzenden Kälteperioden sehr stark geschädigt. Kommt dann auch noch ein kühles und regnerisches Frühjahr dazu, führt dies zu deutlich reduzierten Reproduktionsjahren und wir sprechen von schlechten Insektenjahren.

Hinzu kommt die viel zu intensive Landwirtschaft mit übermäßigem Pestizid-Einsatz, der zusätzlich stark reduzierend auf Insektenpopulationen wirkt. Insofern ist es völlig unbegreiflich, warum Glyphosat noch immer nicht generell verboten wird! Dies ist eine Forderung, die vehement immer wieder ausgesprochen werden muss. Dennoch muss man gerade bei Insekten mit vorschnellen Bestandsanalysen vorsichtig sein, denn es bleiben einige Fragen offen! Findet langfristig tatsächlich ein großes Insektensterben statt? Wie lässt sich dann die starke Zunahme der Bienenfresser und der Kuckucke erklären? Bienenfresser fangen viele Großinsekten, Kuckucke hauptsächlich große Raupen! Diese müssen ja vorhanden sein – und sie sind es auch! In diesem Jahr ist es nämlich exakt so, wie es Herr Remmert einst formulierte. Der Winter und auch der März waren ziemlich kalt, sodass keine Insekten vorzeitig schlüpfen konnten. Und dann kamen der enorm warme April, Mai und Juni, oft auch mit warmen Nächten und hoher Luftfeuchtigkeit. Das Jahr 2018 wirft also mit einem Mal alle düsteren Prognosen über den Haufen, denn es fliegen sehr viele Insekten und bei den Schmetterlingen tauchen plötzlich wieder Arten auf, die man in den letzten Jahren kaum noch sah.

Auch der totgesagte Große Fuchs ist an Waldrändern, in der offenen Kulturlandschaft, auf Brachflächen, an Bahndämmen, in Abbaugruben, auf Streuobstweisen, ja selbst in blütenreichen Gärten zu finden. Wie der Kleine Fuchs und der Zitronenfalter überwintert er als erwachsener Schmetterling und fliegt im Frühjahr oft an Weidenkätzchen der Salweide. Salweiden, Pappeln und Obstbäume dienen den Raupen als Futterpflanze. Der Falter selbst sonnt sich oft an schütter bewachsenen Stellen oder auf Baumstämmen, an Waldwegen und am Rand von Bahndämmen. Nicht selten findet man ihn auch an Exkrementen oder Aas. Mit bis zu 55 mm Flügelspannweite gehört er zu den großen Tagfaltern. Die bräunlich-orange Flügeloberseite mit schwarzen und weiß-gelblichen Flecken und der Hinterflügelrand mit einer schwarzen Binde und bläulichen Flecken lassen den Großen Fuchs sehr hübsch aussehen. Da ich mich seit vielen Jahrzehnten intensiv auch mit Insekten und vor allem Schmetterlingen beschäftige, kann ich zumindest in diesem Jahr die These des großen Insekten­sterbens nicht bestätigen. Dies ist aber keineswegs nur im Raum Marburg so, denn mich erreichen immer wieder Meldungen, welche die große Insektenvielfalt dieses Frühsommers auch andernorts bestätigen. Damit will ich sagen, dass vor allem die Witterungsbedingungen stimmen müssen, welche derart explosive Vermehrungen der Insekten wie im Jahr 2018 bedingen!

Trotzdem müssen wir uns als Naturschützer massiv gegen übermäßigen Pestizideinsatz und oft viel zu starke Düngung in der offenen Kulturlandschaft, aber auch in Gärten, einsetzen! Unsere Forderungen müssen stereotyp wiederholt werden, denn wir sind aus dem Zeitalter raus, dass man bei einigen Insekten von Schädlingen spricht. Kleine Verluste durch Insekten spielen für unser Leben nämlich eine völlig nebensächliche Rolle, gehen sie aber weiter zurück, hat dies gravierende Auswirkungen auch auf uns Menschen! Als Wissenschafter sage ich klar und deutlich, dass es wichtig ist, Langzeitstudien an möglichst vielen Stellen durchzuführen, um statistisch signifikante Ergebnisse zu erzielen. Zu starke Panik­mache hilft uns dabei nur wenig, denn jeder Mensch kann dazu beitragen, dass unsere geschädigte Natur, die wir unbedingt brauchen, wieder gefördert wird. Und das fängt bereits im eigenen Garten mit blumenreichen Wiesen und der Pflanzung einheimischer Gehölze an. Verzichten sie auf Gifte und zu starke Düngung, denn dann werden Sie eine gute Chance haben, den Schmetterling des Jahres 2018, den seltenen Großen Fuchs, vielleicht sogar in Ihrem eigenen Garten zu entdecken!

Prof. Dr. Martin Kraft 


 

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