Schmetterling des Jahres 2020 – Grüner Zipfelfalter

Schmetterling des Jahres 2020 – Grüner Zipfelfalter - ein Bericht von Prof. Dr.  Martin Kraft

MIO – Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.

In der letzten Zeit lesen und sehen wir viel über Bienen- und Insektensterben, Schwund der Schmetterlinge, Biodiversität, Klimawandel, Pestizideinsatz u.v.m. Als Biologe, Ökologe und Ornithologe widme ich mich diesen Themen mit vollem Engagement, wobei ich aber keine Horrorszenarien heraufbeschwöre, die nur irgendwelchen inkompetenten Gehirnen entspringen, sondern grundsätzlich auf die realen Fakten achte. Schmetterlinge gehören schon seit meiner Kindheit zu meiner zoologischen Passion, welcher ich mich auch im Coronajahr 2020 besonders widme! Seit vielen Jahren gilt mein Engagement jedoch nicht mehr der echten Individuensammlung und Präparation, sondern nur noch der Jagd mit der Kamera zwecks der Anlegung einer umfangreichen Fotogalerie.


Die BUND NRW Naturschutzstiftung und die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen ernannten den Grünen Zipfelfalter Callophrys rubi, der viel bekannter unter dem Namen Brombeerzipfelfalter ist, zum Schmetterling des Jahres 2020. Dieser zu den Bläulingen und auf der bundesdeutschen Vorwarnliste geführte kleine Schmetterling geht vielerorts deutlich zurück. Als Ursache kommen sowohl die intensive Land- und Forstwirtschaft, aber auch die beinahe überall zu findenden Windräder in Frage! Dort kommen jährlich Myriaden von Insekten um, was aber zumeist in der allgemeinen Naturschutzdiskussion völlig untergeht, denn auch die oft recht hoch fliegenden Schmetterlinge kollidieren nach unseren eigenen Befunden regelmäßig mit Windrotoren. Dieses Faktum müssen wir alle bei unserer Naturschutzarbeit unbedingt berücksichtigen, will diese nicht zur lächerlichen Farce werden.Der Grüne Zipfelfalter fliegt von März bis Juli, bildet aber nur eine Generation. Wir finden ihn fast überall dort, wo es Bäume, Sträucher und Blumenwiesen gibt. Die recht kleinen Bläulinge sind oberseits rauchig graubraun, unterseits aber auffallend grün. Die Hinterflügel zeigen einen weißen Kostalfleck oder seltener auch eine Punktlinie.


Die Raupen finden sich vor allem an verschiedenen Ginsterarten, aber auch an anderen Pflanzen und Früchten, nicht selten auch an Brom- und Himbeeren. Ihre Farbe variiert von blass grünlichblau über grasgrün bis hin zu rot. Die Puppe überwintert zumeist am Boden, oft unter Steinen, Moos und Blättern.Wie bei allen Schmetterlingen, so braucht auch der Grüne Zipfelfalter ausreichend Nahrungspflanzen für die Raupen und die adulten Schmetterlinge. Wenn diese Lebensräume aber zunehmend verschwinden, hat auch der Schmetterling des Jahres 2020 keine Chance mehr. Die letzten beiden Jahre 2018 und 2019 waren aber vielerorts sehr gut für Schmetterlinge. Neben den klimatischen Bedingungen waren aber vor allem die vielen bunten Wiesen, Blühflächen und Ackerrandstreifen sowie die nicht gemähten blütenreichen Waldränder und Lichtungen sehr wichtig für das Überleben der Schmetterlinge und anderer Insektenarten. Im Marburger Raum haben wir spezielle Programme, die mit vielen Landwirten umgesetzt wurden und werden. Auf den von 2019 auf 2020 deutlich ausgeweiteten Blumenwiesen und Blühflächen in der Agrarlandschaft finden sich nicht nur unzählige Insekten, sondern auch Rehe und Feldhasen sowie zunehmende Zahlen von Wachteln, Rebhühnern, Feldlerchen, Neuntötern, Braun- und Schwarzkehlchen, Feldsperlingen, Bluthänflingen und Stieglitzen, Schafstelzen, Gold- und Rohrammern. Diese wichtigen Maßnahmen sollen in Zukunft noch weiter ausgebaut und auch mit biologischen Agrarflächen vernetzt werden. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch massiv dafür einsetzen, dass keine großen Windräder mehr gebaut werden, denn das Ignorieren des Insekten- und allgemeinen Tierschwunds an Windrädern hat damit zu tun, dass gerade auch der BUND sowie einige andere Naturschutzverbände den Klimaschutz deutlich über den Naturschutz heben und sich deshalb hinter den massiven Ausbau der Windenergie stellen. So können aber kein effektiver Naturschutz und natürlich auch kein spezieller Schmetterlingsschutz funktionieren. Um dem gewaltigen Tiersterben an Windrotoren entgegenzuwirken, müssen alle an der Erhaltung unserer Natur interessierten Menschen wieder gemeinsam am richtigen Naturschutzstrang ziehen und uns für effektive Alternativenergien einsetzen. Dies wäre eine künftige Strategie zur Rettung und Stabilisierung unserer Tier- und Pflanzenbestände. Natur- und Klimaschutz müssen demnach exakt gleich gewichtet werden, wollen wir wirklich wieder mehr Biodiversität und einen nachhaltig wirksamen Umweltschutz praktizieren.

Aktuelle Erfassungen und Fotos von Vögeln sowie einige Fotos von Insekten und Pflanzen finden Sie auch auf unserer neuen (noch nicht ganz fertigen) Homepage:
www.mio-marburg.org