Sommersonnenwende – welche Vögel singen zuerst und welche folgen?

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft

Sommersonnenwende – welche Vögel singen zuerst und welche folgen?

Im Mai und Juni ist die beste Zeit, um Vögel der verschiedensten Arten singen zu hören. Allerdings muss einem bewusst sein, dass bereits vor der Sommersonnen­wende am 21. Juni, manchmal schon gegen Ende Mai/Anfang Juni, der „ornithologische Herbst“ mit dem Wegzug der weiblichen Waldwasserläufer beginnt! Außerdem lassen die Gesänge bei Arten wie Kuckuck und Nachtigall schon deutlich nach. Dennoch singen auch im Juni besonders viele Vögel, aber es gibt eigentlich keine generelle Vogeluhr, auch wenn das immer so behauptet wird, denn die Gesangesaktivitäten der Vögel sind sehr von der morgendlichen Temperatur und dem durch schönes Wetter maßgeblich bedingten Helligkeitsgrad abhängig. Zudem spielen Siedlungsdichte und Nahrungsangebot auch eine wichtige Rolle.

Weiterhin gibt es verschiedene Lebensräume mit unterschiedlichem Gesangesbeginn der verschiedenen Vogelarten. Ferner muss man immer bedenken, dass einige Arten auch nachts singen und ihren nächtlichen Gesang nahtlos in den Sonnenaufgang übergehen lassen. Dazu zählen u.a. Rebhuhn, Wachtel, Wachtelkönig, Kuckuck, Ziegenmelker, Nachtigall, Rotkehlchen, Feld-, Rohr- und Schlagschwirl, Busch- und Sumpf­rohrsänger. In Städten werden zudem nächtliche Gesänge durch hell beleuchtete Straßen und Parkanlagen gefördert, sodass man beispielsweise lange vor Sonnenaufgang Rotkehlchen, Amseln, Singdrosseln, Heckenbraunellen und Zaunkönige hören kann. Insofern gilt es, Vogeluhren zu relativieren, weil es eben alle möglichen Übergänge in den verschiedenen Habitaten gibt!

Trotzdem wollen wir uns mal in einer normalen Stadt mit grünen Parkanlagen, reich strukturierten Gärten und einem Friedhof mit alten Bäumen noch in der Dunkelheit auf den Weg machen und notieren, wann die Vögel mit ihrem Gesang beginnen! Einer der ersten ist der Gartenrotschwanz, der manchmal schon anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang singt, fast zeitgleich startet auch der nah verwandte Hausrotschwanz, aber er steht dann zumeist auf Dachfirsten, während der Gartenrotschwanz alte Laub- und Obstbäume in den Gärten und Schrebergärten bevorzugt. Gibt es Bauernhöfe in der Nähe, kann man aus den Ställen heraus nur wenig später die ersten Rauchschwalben mit ihrem Zwitschergesang vernehmen und gut 60 – 80 Minuten vor Sonnenaufgang singen Rotkehlchen, Amseln und Singdrosseln. Etwa 40 bis 60 Minuten vor Sonnenaufgang geht es Schlag auf Schlag, denn nun hört man auch die ersten Kuckucke (dieser aber oft nahtlos aus der Nacht heraus), Mönchsgrasmücken, Heckenbraunellen, Zaunkönige und Goldammern. Gut eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang singen Zilpzalp, Dorn-, Klapper- und Gartengrasmücke, Blau- und Kohlmeise. Wenig später folgen Star und Fitis und kurz vor Sonnenaufgang folgen alle möglichen Finken wie Buch- und Grünfink, Stieglitz und Bluthänfling. Wenn wir also ein richtig starkes Vogelkonzert hören wollen, sollten wir bereits gegen 4 Uhr (MESZ) vor Ort sein. Feucht-warmes Morgenwetter und viel Sonne sorgen für besonders starke Gesangesaktivitäten und zwar in allen möglichen Lebensräumen. Je näher der Mittag rückt, desto mehr ebben die Gesänge ab, aber sie hören im Mai und Juni an manchen Tagen nie ganz auf. In dieser Zeit ist es sogar wesentlich einfacher, Vogelstimmen zu lernen, weil nicht so viele Arten durcheinander singen, aber es soll einem klar sein, dass sich die Vögel oft im dichten Blättergewirr verbergen, sodass man sie nur hin und wieder zu Gesicht bekommt.

Für mich als eingefleischten Ornithologen ist es immer wieder schön, vielfältige Vogelkonzerte in den unterschiedlichen Lebensräumen zu hören. Es hat etwas Wunderbares, etwas Einzigartiges, was ich nie vermissen möchte. Das geht sicherlich vielen Menschen so, aber wir können uns nicht auf die faule Haut legen, denn der Schutz der Lebensräume sollte ganz wichtig sein. Es ist derzeit nicht schön, wenn man zusehen muss, wie ganze Wälder durch den völlig unkontrollierten Bau von Riesen-Windrädern zu Industrieanlagen verkommen und wenn in der offenen Kulturlandschaft große Mais- und Rapsäcker den Horizont beherrschen. Wir sollten uns viel mehr dafür stark machen, dass der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, aber auch in privaten Gärten, radikal verboten wird, und wir sollten endlich erkennen, dass unsere Wälder wichtige CO2-Senker sind, die es großflächig zu erhalten gilt, denn es muss andere Alternativen zur Deckung unseres hohen Stromverbrauchs als für Mensch und Tier gefährliche Windenergieanlagen geben! 

Schließlich sollen sich auch künftige Generationen an den reichhaltigen und wohlklingenden Vogelgesängen erfreuen! 

Prof. Dr. Martin Kraft


 

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