Pfeift der „Stadtvogel“ anders oder lauter?

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft,
MIO - Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.

Pfeift der „Stadtvogel“ anders oder lauter?

„Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald,
lasset uns singen, tanzen und springen,
Frühling, Frühling wird es nun bald!“

Dass sich jeder Mensch auf den Frühling freut, um dann zu tanzen und zu springen, kann ich ja voll verstehen, aber in dem Volkslied ist ein kleiner Fehler, denn der Kuckuck ruft nicht Kuckuck, sondern er singt seinen Namen. Dieses „Kuckuck“ wird auch nur vom Männchen von inzwischen Anfang April bis Ende Juni/Anfang Juli vorgetragen. Dabei fällt auf, dass Kuckucke durchaus nicht nur in Wäldern aller Art singen, sondern inzwischen auch schon in die Städte eingewandert sind. Dort singen sie nicht selten bis um Mitternacht und oft schon wieder ab 3 Uhr morgens. Die Lautstärke ist dabei völlig gleich geblieben.

Dennoch haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut (MPI) in Seewiesen herausgefunden, dass Amseln in Städten eine höhere Tonlage wählen, um sich besser vom tiefer frequenten Straßenlärm abzuheben. Der Leiter des Forschungsprojekts, Henrik Brumm, sagt, dass Stadtvögel aktiv hochfrequente Töne wählen, um damit ihre Fähigkeit steigern, laut zu singen und so die akustische Überlagerung des umgebenden Lärms abschwächen. Bei in Städten singenden Vögeln muss man aber bedenken, dass viele aufgrund der Straßen- und Platzbeleuchtungen insgesamt häufiger, Rotkehlchen und Zaunkönige sogar ganzjährig singen, oder wie die Amseln bereits im Mittwinter mit dem Frühlingsgesang anfangen – und das oft nach Sonnenuntergang oder bereits ab etwa Mitternacht. In diesen Zeiten sind aber Verkehrslärm und andere Lärmquellen deutlich leiser, sodass sich der Gesang vielfach völlig normal äußert. Zudem ist zu bedenken, dass in manchen Gassen und Straßenzügen mit wenig Verkehr eine sehr gute Akustik vorherrscht, die zum Widerhall der Gesänge führt und diese dann für unser Ohr nicht nur lauter klingen, sondern die Sänger auch nicht leicht auszumachen sind.

In jahrelangen Untersuchungen der Gesänge und Siedlungsdichten an Straßenrändern von Autobahnen, Bundes- und Landstraßen mit viel Verkehr konnten wir bei vielen Arten keine Veränderungen der Lautstärken oder signifikant höhere Frequenzen feststellen. Damals wunderten wir uns, dass wir sie wesentlich schwerer hörten als im Wald oder im freien Feld, die Vögel aber dennoch sangen und sich erfolgreich reproduzierten. Was wir aber wissen, dass Vögel in Städten, und das bestätigen auch die Forscher aus Seewiesen, nicht nur häufigere Gelege, sondern vielfach auch einen recht hohen Bruterfolg zeigen. Während Amseln in „normalen“ Lebensräumen ein- bis zweimal, in guten Jahren bis zu dreimal brüten, tätigen sie in Städten bis zu vier oder gar fünf Bruten. Das gilt übrigens auch für die inzwischen überall in Städten brütenden Ringeltauben, deren tiefere Gesänge nach unseren Messungen immer etwa gleich laut klingen. Die Lautstärke der Gesänge bei Vögeln kann je nach Belieben variiert werden, was übrigens auch mit dem Alter der Vögel, der Jahreszeit und den Temperaturen zusammenhängen kann! Bei Kohl- und Blaumeisen konnte ich nachweisen, dass die lautstärksten Männchen zumeist alte und erfahrene Vögel waren, und dass sie umso lauter sangen, je näher Artgenossen vorrückten. Nach unseren Erfahrungen zeigen sich in der Lautstärke der Stadtvogelgesänge nur dann hörbare Unterschiede, wenn sich besonders günstige akustische Verhältnisse mit Echos ergeben. Was wir aber auch bestätigen können, ist die Tatsache, dass es oft zu aggressiverem Verhalten bei Stadtvögeln kommt, die sich offenbar einem größeren Stress ausgesetzt fühlen. Dieser Stress wird durch hohe Siedlungsdichten verursacht, aber in Städten mit reichlich Grünflächen, Büschen und Bäumen- und damit gutem Nahrungsangebot - kann die Aggressionsbereitschaft wieder sinken.

Bei meinen ganzjährigen Fütterungsversuchen, vorwiegend auf den Marburger Lahnbergen, aber auch eine Weile im Marburger Südviertel, in Marburg-Ockershausen sowie seit gut 15 Jahren auch an den Martinsweihern bei Niederwalgern, wurden deutliche Reduktionen der Aggressionshandlungen und in vielen Fällen Mehrfachbruten mit gutem bis sehr gutem Bruterfolg registriert. Auf den Lahnbergen und an den Martinsweihern wurden und werden diese hohen Siedlungs¬dichten durch alle möglichen Beutegreifer reguliert. Das bedeutet konkret, dass es zu merklichen jährlichen Schwankungen kommt, wenngleich die übers Jahr gerechneten Reproduktionserfolge in den Zufütterungsgebieten aber immer noch höher als auf den Kontrollflächen sind.

Insgesamt gehe ich davon aus, dass uns die Vögel durch ihre Gesänge, egal in welcher Lautstärke diese vorgetragen werden, wie Indikatorpapier anzeigen, dass sie mit den verschiedenen Lebensräumen zurechtkommen und sich dann am wohlsten fühlen, wenn es zu guten Reproduktionserfolgen kommt. Dies ist für uns Ornithologen nicht nur eine gut verwertbare Messgröße, sondern auch eine einleuchtende ökologische Konsequenz.

Prof. Dr. Martin Kraft