Waldkauz – der Heimliche Unheimliche

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft, Marburg

Viele Mythen und Sagen ranken sich um unsere häufigste Eule, den Waldkauz, den man selbst in amerikanischen Gruselfilmen rufen hört. Der Gesang des Männchens, der wie „huu – h,hu.hu,huu“ klingt, hat zweifelsfrei etwas Unheimliches und oft sieht man den heimlich lebenden Waldkauz gar nicht. Dennoch ist er inzwischen nicht nur in Wäldern, Auwäldern und Feldgehölzen, sondern auch in Großstädten zu finden, wo er sich hauptsächlich von Singvögeln, aber auch von Tauben, Ratten und Mäusen ernährt.

Da Waldkäuze nicht selten auf Friedhöfen leben, flößten sie vor allem im Mittelalter vielen Menschen Angst ein, wenn sie den etwas schaurig klingenden Gesang der männlichen Waldkäuze hörten. Der runde Kopf mit den nach vorne gerichteten, dunkelbraunen Augen verleiht dem Waldkauz aber ein eher liebevolles Aussehen. Und wenn er – wie alle Eulen – die Augenlider abwechselnd bewegen, denkt man manchmal, er zwinkerte einem zu! Die Rufe der etwas größeren Weibchen klingen wie „Ku-witt“ und wurden früher auch total falsch gedeutet: Wenn man in den abendlich beleuchteten Krankenzimmern saß und zum Teil schwerkranken Menschen Beistand leistete, wurden Waldkäuze nicht selten vom Licht angezogen und fingen spontan mit der Balz vor eben diesen Räumen an. Wenn dann die Weibchen auch noch aus kurzer Distanz lautstark „“Ku-witt“ riefen, deutete man das als „Komm mit“ und dachte, dass der kranke Mensch nun bald ins Reich der Toten gelockt würde. Auch der viel kleinere Steinkauz litt vor allem im Mittelalter sehr unter diesen falschen Ängsten der Menschen. So kam es dann auch, dass Wald- und Steinkäuze, aber auch andere Eulen, getötet wurden, wobei man nicht selten die toten Vögel an den Hoftoren festnagelte, weil man hoffte, dadurch Unheil von der Familie abzuwenden. Heutzutage haben zwar auch noch einige Menschen Angst vor Eulen, aber diese ist völlig unbegründet.

Waldkäuze beginnen ihre weithin hörbaren Balzgesänge schon im Spätsommer und lassen diese vor allem auch von November bis Februar hören. Zumeist brüten sie in alten Schwarzspechthöhlen, aber auch in Baumstubben, Spalten und in morschen Astabbrüchen. Man findet sie gelegentlich auch in Türmen und Kirchen, auf Ruinen und Dachböden. In der Regel legen sie zwischen 3 und 6 weiße Eier, manchmal auch mehr, die allein vom Weibchen etwa einen Monat bebrütet werden. Bereits mit etwa 30 bis 35 Tagen verlassen die Jungvögel die Höhlen und wandern im Geäst herum („Ästlinge“), obwohl sie noch nicht fliegen können. Beide Eltern versorgen sie aber noch gut 2 bis 2 ½ Monate.

Die innerstädtischen „Ästlinge“ können auch auf Gebäuden oder Wegen sitzen, sind aber keinesfalls hilflos, wie manche Menschen das annehmen und sie dann einfach mit nach Hause nehmen und großziehen. Das sollte man aber auf keinen Fall tun, denn die Eltern wissen genau, wo ihre Jungen stecken. Gelangen junge oder verletzte Waldkäuze in menschliche Obhut, können sie sehr zahm werden. Auch ich durfte schon mehrere Jungkäuze aufziehen, wobei vor etlichen Jahren mal einer so zahm wurde, dass ich mit ihm spazieren gehen konnte und er auf meinen Armen oder Schultern landete, wenn ich ihn rief. Auf der nackten Haut war das allerdings nicht immer leicht zu ertragen, denn Waldkäuze verfügen über sehr scharfe Krallen mit denen sie auch Beutetiere bis zu Kaninchen und Eichhörnchen schlagen können. Wie alle Eulen produzieren sie Gewölle, aber es ist hierbei anzumerken, dass vor allem junge Waldkäuze auch Knochen zu einem Großteil komplett verdauen können. Dennoch finden sich Knochen, Haare, Federn oder Chitinteile von Insekten in den Speiballen, die alle Eulen, Greife, aber auch viele andere Vogelarten als unverdaute Nahrungsreste auswürgen! Anhand dieser Gewölle lassen sich einmal Rückschlüsse auf die gesamte Bandbreite der Nahrung, aber auch auf die Häufigkeit der Beutetiere und deren jahreszeitliche Bestandsschwankungen ziehen!

Waldkäuze haben ein großes Verbreitungsgebiet, welches von Europa bis nach Westsibirien reicht, aber sie kommen auch in Südostasien und Teilen Kleinasiens vor. Sie sind sehr standorttreu und wandern (zumeist Jungvögel) vor allem in strengen und schneereichen Wintern umher. Zumeist jagen sie in der Dämmerung oder nachts, aber es kommt auch vor, dass man am helllichten Tag ein Mordsgezeter von Krähen, Dohlen, Eichelhähern, Elstern und vielen Singvögeln hört, wenn sich mal ein Waldkauz in einem Schornstein verflogen hat. Manchmal fallen sie dann hinein und verletzen sich.

In warmen und mondhellen Nächten gehört es zu den eindrucksvollsten Erlebnissen in unserer Natur, wenn sich die „Heimlichen Unheimlichen“ ein weithin hörbares Stelldichein geben.

Prof. Dr. Martin Kraft

Zu geeigneten Nistkästen für den Waldkauz

 

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