Wildbiene des Jahres – die Auen-Schenkelbiene

Ein Bericht von Prof. Dr. Martin Kraft
MIO – Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.


Das Kuratorium „Wildbiene des Jahres“ hat für 2020 die Auen-Schenkelbiene Macropis europaea ausgewählt, weil sie eine ganz besondere Wildbiene ist. Was macht sie aber so besonders? Während der Großteil unserer Wildbienen vielerlei Blüten aufsuchen, um Pollen und Nektar für ihren Nachwuchs zu sammeln, fliegt die Auen-Schenkelbiene auch Gilbweiderich, Blutweiderich oder Pfennigkraut an, weil diese Pflanzen viel Öl enthalten. Diese Pflanzenöle vermengt sie mit Pollen und Nektar, den sie in der Nähe der ölhaltigen Pflanzen ebenfalls sammelt. Damit stellt sie eine sehr energiehaltige Nahrung für ihre Brut her. Da Gilbweiderich oft auch in Gärten steht, kann man sie ab etwa Mitte/Ende Juni dort besonders gut beobachten. Die schwarzen Männchen mit ihren gelben Gesichtern fliegen dann hin und her, um nach Weibchen zu suchen, die sie an den Nahrungspflanzen begatten. Je mehr ölhaltige Pflanzen und blühende Blumen in den Gärten stehen, desto besser ist es für diese Wildbienenart, aber auch für andere Insekten.


Die Weibchen der Auen-Schenkelbiene tragen an den Hinterbeinen eine krümelige Masse aus Pollen und Öl, mit der sie dann ihre Larven ernähren. Diese spezielle Mischung benutzen sie aber auch, um die Wände ihrer Erdnester zu imprägnieren, wodurch die Larven vor Feuchtigkeit und eventueller Schimmelbildung geschützt sind. Die Erdnester befinden sich oft auf feuchtem Boden in der Nähe der Ölpflanzen. Man braucht also nur den Boden abzusuchen, um die Wildbienen dort ein- und ausfliegen zu sehen. Sehr ähnlich ist die Wald-Schenkelbiene Macropis fulvipes, die aber auch in Gärten vorkommen kann. Diese beiden fleißigen Wildbienenarten werden aber häufig von der attraktiven Schmuckbiene Epeloides coecutiens parasitiert, denn sie ist ein Brutschmarotzer und wird deshalb auch als „Kuckucksbiene“ bezeichnet. Sie sammelt selbst keine Larvenvorräte, sondern legt ihre Eier in die Nester der beiden Schenkelbienenarten ab. Die sich dort entwickelnden Larven haben dann quasi Zieheltern und gedeihen prächtig.


Man könnte glauben, dass die Auen-Schenkelbiene und ihre nah Verwandte wegen der Abhängigkeit von Ölpflanzen bei uns gefährdet seien, aber das ist glücklicherweise nicht so. Dennoch sollten wir alles daransetzen, um diese interessanten Arten zu fördern, indem wir die genannten Ölpflanzen und viele Blumen in unsere Gärten holen, um den Wildbienen – und anderen Insekten auch – ein reichhaltiges Nahrungsangebot zu bieten. Ferner ist es wichtig, dass feuchte Gräben oder Uferränder nicht zu früh oder besser gar nicht gemäht werden, damit sich hier eine vielfältige Vegetation ungestört entwickeln kann.


In meinem Beruf als Ornithologe habe ich mich zunehmend auch den Insekten zugewandt, die schon in meiner Kindheit eine besondere Rolle spielten. Die Wildbienen sind deshalb so interessant für mich geworden, weil wir an den Martinsweihern bei Niederwalgern durch verschiedene Maßnahmen viele Arten anlocken konnten. Besonders häufig ist die Rostrote Mauerbiene an unseren Insektenhotels, aber auch in Erdnestern vorkommende Furchenbienen und viele weitere Arten sind sehr interessant. Die Bedingungen sind bei uns so gut, dass sie in großer Zahl auftreten, besonders bei sonnigem Wetter sind sie sehr agil.
Beobachtet man das muntere Treiben genauer, so fällt auf, dass sich immer auch wieder Brutschmarotzer oder kleine listige Jäger einfinden, um vom Reichtum der fleißigen Wildbienen zu profitierten. An warmen Tagen summen unzählige und damit leicht zu beobachtende Wildbienen an unseren Insektenhotels, aber die parasitischen Schlupfwesen sind oft sehr klein und dadurch nicht immer leicht zu entdecken.

Es ist immer wieder schön, die „Kleinen mit den dünnen Beinen“ zu beobachten und deren Leben zu studieren. Ich habe sie in den letzten Jahren sehr lieb gewonnen und einige schöne Fotos und Videos machen können. Deshalb finde ich es sehr gut, dass immer Wildbienen und andere Insekten als Jahresarten ausgewählt werden, denn das ermuntert viele Menschen, sich noch mehr an der Natur zu erfreuen, und vor allem diese durch vielfältige Gärten mit bunten Blumen und einheimischen Sträuchern und Bäumen zu unterstützen. Vor allem Kinder und junge Menschen erfreuen sich an den Martinsweihern bei Niederwalgern neben den riesigen Wasserbüffeln auch an den vielen Wildbienen, Wespen, Schmetterlingen, Libellen und Käfern.
Dann weiß ich, dass sich unser Einsatz für die Natur sehr gelohnt hat!