Warum ziehen Gänse in V-Formation?

Warum ziehen Gänse in V-Formation?

von Prof. Dr. Martin Kraft

MIO – Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie e.V.

 

Als aufmerksamer Zugvogelzähler ist mein Blick draußen im Gelände sehr oft nach oben gerichtet, denn jetzt im Herbst gibt es dort viel zu entdecken. Jede Vogelart zeigt eine spezielle Zugstrategie, an der man sie erkennen kann. Da gibt es Aufwindsegler, Schlagflieger, Formationsflieger, Geradeaus- und Bogenflieger. Neben einzeln oder in kleinen Gruppen fliegenden Vögeln, gibt es aber auch riesige, ungeordnete Schwärme, deren exakte Zahl nur noch zu schätzen ist. Sehr auffällig sind die Formationsflieger, die lange Ketten oder Keile bilden, oft auch verschachtelt oder wie ein V, W oder wie eine große 1 am Himmel. Dazu zählen bei uns Schwäne, Gänse, Enten, Kormorane, Reiher, Kraniche, Limikolen, Möwen, Raubmöwen und Seeschwalben, aber auch Löffler, Sichler und Pelikane fliegen in Formation. Während Schwäne, Gänse und Kraniche sich während des Formationsziehens mit lauten Rufen äußern, die dann auch artspezifisch sind, fliegen andere Arten weitgehend oder ganz stumm. Warum bilden sie aber diese Flugformationen, wenn sie im Herbst gen Süden und im Frühjahr nach Norden streben und wechselnde Muster am Himmel weben? Nun, es sind Vögel, die ausdauernd und zum Teil sehr weit fliegen müssen, wobei einige Arten auch groß und recht schwer sind, aber sie vermögen es nicht, wie andere Großvögel ohne Flügelschlag in Aufwinden zu kreisen, um dann weite Strecken gleitend in Zugrichtung zu überwinden. Deshalb fliegen sie leicht versetzt in langen Ketten und Keilen. In der Regel fliegen sehr kräftige und ausdauernde Vögel an der Spitze der Formation, während die anderen im Windschatten folgen und dabei weit weniger Energie aufbringen müssen. Allerdings können die an der Spitze der Formation fliegenden Vögel nicht unbegrenzt in dieser Position sein, weshalb immer wieder andere Individuen nach vorne stoßen und die bisherigen Anführer ablösen. So fallen die einen wieder zurück und andere stoßen vor. Das ist durchaus vergleichbar mit Bahnradfahren oder auch Langstreckenlaufen, denn diejenigen, die immer führen, werden nur in den seltensten Fällen gewinnen, während diejenigen im Windschatten beim Vorpreschen kurz vorm Ziel immer gute Chancen auf einen Sieg haben. Bei den Zugvögeln geht es aber nicht um Siege, sondern um das mit möglichst wenig Energie zu erreichende Flugziel. 

Manche Arten können dabei am Tag viele hundert Kilometer ohne Pause zurücklegen. Sieht man sich diese Formationen genauer an, so fällt bei Schwänen, Gänsen, Enten, Reihern und Limikolen auf, dass sie auf Strecke ständig mit den Flügeln schlagen, während Kormorane und Kraniche aber immer auch mal kurze Gleitstrecken in der Formation zeigen. Diese können sich auch in große Höhen schrauben und recht lange Kreisen, was immer auch zu Irrtümern bei den beobachtenden Menschen führt, die mich dann anrufen und mir erzählen, wie „verwirrt und völlig unordentlich“ Kraniche seien und ihre Formation aufgegeben hätten. Das ist natürlich falsch, denn sobald sie aus einer Aufwindsäule herauskommen, gehen sie wieder in Formation und fliegen somit „geordnet“ weiter. Für mich sind Keile am Himmel besonders beeindruckend, vor allem dann, wenn sie von Horizont zu Horizont reichen und man aus dem Zählen bzw. bei großen Trupps nur noch grobem Schätzen nicht mehr herauskommt. Solche Massenzugtage der Formationsflieger lassen mich immer wieder erneut staunen. Es lohnt sich also immer, auf einem Berg mit Rundumblick zu stehen, wenn die schnell rasenden, etwas „unordentlich“ wirkenden, Formationen der Limikolen oder die ständig rufenden Gänse und Kraniche über uns hinziehen. Dann stehe ich andächtig da und erfreue mich an diesem wundervollen Naturschauspiel. Wehmut und Freude wechseln sich dann ab. 

Gerne würde ich diese majestätischen Vögel im Herbst auf ihrem wundersamen Flug in wärmere Länder begleiten!